Interviews
Kommentare 3

#Vorurteile: Über Adoptiveltern und abgebende Eltern

#Voruteile: Adoptiveltern

Bei manchen Familien bedeutet die Aufnahme eines neuen Familienmitgliedes, dass jemand anderes eines hat gehen lassen. Beide Seiten haben mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. Jule hat mir über das Leben mit ihren beiden adoptierten Kindern erzählt und vergisst dabei auch nicht die Seite der leiblichen Mutter, die Voraussetzung für ihr Familienglück war und mit Sicherheit eine eigene Geschichte beisteuert.

Alle anderen Artikel zur Beitragsreihe #Vorurteile findet ihr hier.

Liebe Jule, du und dein Mann seid Adoptiveltern. Zu erkennen ist das bei euch ja erstmal nicht. Wie offen geht ihr mit der Situation um?

Wir gehen eigentlich recht offen damit um. Unsere Freunde und Familie wissen es natürlich. Einige Bekannte auch. Bäcker und Co natürlich nicht. Wichtig ist uns, dass unsere Kinder es von klein auf mitbekommen. Dass es für sie einfach „normal“ ist und kein Geheimnis. Geheimnisse haben oft einen düsteren Beigeschmack, das möchten wir so gut wie wir das können vermeiden. Es ist nichts düsteres oder schlimmes daran. Es ist etwas absolut Gutes. Unsere Kinder sind adoptiert- wir sind eine Familie. Das ist es. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wir wägen vorher gut ab, wie offen wir zu wem sind. Es ist uns wichtig, dass unsere Kinder einmal selbst entscheiden können, wem sie was, wie erzählen. Es soll zum Großteil ihre Entscheidung bleiben, wer wissen soll, dass sie adoptiert sind. Das braucht oft ziemlich viel Fingerspitzengefühl, wie wichtig es ist. Wir versuchen so offen wie möglich, aber dennoch so geschützt wie möglich für unsere Kids damit umzugehen. Wir haben da für uns einen guten Weg gefunden.

Wie ist das für eure Kinder? Und wie hat eure Familie den Entschluss aufgenommen, als ihr euch für eine Adoption entschieden habt? Wurdest du unterstützt oder gab es hier erstmal komische Blicke?

Unsere Kids sind beide noch klein. Noch hat es kaum Bedeutung für sie. Die Große ist drei, der Kleine noch nicht mal ein Jahr alt. Unsere Tochter weiß, dass es eine Bauchmama gibt, die sie geboren hat. Ihre leibliche Mama hat auch einen festen Platz in unserer Familie. Wir haben eine Kiste, in der wir Gebasteltes, Gemaltes, Bilder und auch Briefe für die leibliche Mama sammeln. Es ist uns wichtig, dass sie einen festen Platz haben darf. Ohne die leibliche Mama, wären wir keine Familie. Wir möchten, dass unsere Kinder wissen, dass ihre Mama mutig und stark war und wir ihr von Herzen dankbar sind.

Wenn unsere Kinder sie einmal suchen werden (falls sie das wollen) oder es anders zu einem Kontakt zur leiblichen Mama kommen sollte, dann haben wir eben jene Kiste, die unsere Kids ihr geben können.

Unsere Familien haben wenig begeistert reagiert, als wir ihnen erzählten, dass wir ins Adoptivbewerberverfahren einsteigen und uns dann für eine Adoption bewerben wollen. Uns wurde sogar angeboten weitere Kinderwunschbehandlungen beziehungsweise deren Kosten zu übernehmen. Andere sagten, wir sollten das nicht tun, man würde uns ein „Kuckucksei“ ins Nest legen und wir würden nie mehr glücklich werden. Das Kind wäre bestimmt krank, wir würden uns in den finanziellen Ruin stürzen etc. etc.

Unterstützung bekamen wir von Seiten unserer Familien gar keine. Das hat uns aber nie beeindruckt. Wir sind dennoch beharrlich unseren Weg gegangen und wir hatten und haben wundervolle Freunde an unserer Seite, die uns von Anfang an unterstützt haben. Als wir unseren Familien erzählten, dass wir ein weiteres Kind bekommen, waren auch da die Reaktionen unterschiedlich. Die eine Seite hat sich gleich sehr gefreut. Die andere Seite sagte nur, wir sollten das nochmal überdenken. Ein zweites Mal könne man nicht so ein großes Glück haben, wie mit unserem ersten Kind.

Mittlerweile sind beide Kids absolut geliebt und willkommen bei unseren Familien. Die Große hat genau wie der Kleine nur einen Besuch gebraucht, um sich in die Herzen unsere Familien zu schleichen und wir haben das Thema, wie sehr sie gegen eine Adoption waren weitestgehend ad acta gelegt. Traurig sind wir dennoch ab und an darüber, aber es ist wie es ist. Und mittlerweile sind unsere zwei auch aus unseren Herkunftsfamilien nicht mehr weg zu denken.

Habt ihr Situationen, in denen euch oder euren Kindern Sachen unterstellt werden, die auf die Adoption zurück zu führen sind? Ich erinnere mich da zum Beispiel an deine Andeutung, dass die Kita die Trotzanfälle deiner dreijährigen Tochter auf die Adoption zurückgeführt hat. Meine Erfahrungen zeigen ja eher, dass das ein normales Verhaltensmuster bei dreijährigen Kindern ist. Was sagst du dazu?

Wir haben mit Eintritt unserer Tochter in den Kindergarten der Leitung und der Erzieherin ihrer Gruppe gesagt, dass sie adoptiert ist. Wir haben das lange ausdiskutiert und uns letztendlich dazu entschieden, weil wir wollen, dass sie unterstützt wird, wenn sie einmal im Kiga erzählt, dass sie zwei Mamas und zwei Papas hat. Wir möchten einfach auch da, dass es etwas „normales“ ist und nichts wofür sie sich schämen muss. Darum ist uns die Unterstützung der Erzieher darin wichtig. Wir sind ja im Kiga nicht anwesend, wenn unsere Große etwas erzählt. Darum muss sie dann von der Erzieherin bestärkt werden. Das war unsere Intension.

Als sich dann jedoch eines Tages zwei Erzieher darüber unterhalten haben, wie trotzig meine Tochter und noch ein anderes Kind gerade sind und die eine zur anderen sagte „Na ja, sie ist ja auch adoptiert.“, habe ich mich das erste Mal gefragt, ob die Entscheidung es der Erzieherin zu sagen so sinnvoll war. Ich habe dann gesagt, dass ich denke, dass ein Trotzverhalten ein völlig normales und altersgerechtes Verhalten einer Dreijährigen ist und dass ich nicht möchte, dass mein Kind, sobald es ein wenig „schwieriger“ ist, auf seine Adoption reduziert wird. Unsere Tochter hat eine sichere, gute Bindung zu uns. Und sie darf genauso trotzen, lachen, weinen, Unsinn machen und ihre Erfahrungen sammeln, wie andere Kinder auch… völlig unabhängig von ihrer Adoption.

Vermutlich war das sogar einfach „nur“ eine völlig unbedachte Aussage der Erzieherin und es ist ihr mittlerweile selbst unangenehm, aber aus genau solchen Aussagen entstehen Vorurteile- sie sind der beste Nährboden dafür.

Immer wieder spannend sind auch so Aussagen wie „Ach ja, sie sind adoptiert. Okay. Dann habt ihr das alles ja nicht.“ Auf meine Rückfrage, was genau wir alles nicht haben, wissen die meisten dann nichts mehr zu antworten. Viele denken, Adoptiveltern bzw. Adoptivfamilien kommen von einem anderen Stern. Aber das stimmt gar nicht. 🙂 Wir sind genauso „normal“ wie jede andere Familie. Haben unsere kleinen und großen Kämpfe und ganz viel Freude.

Ja, ich habe unsere Kinder nicht geboren und war nicht schwanger mit ihnen. Aber das war es auch schon. Selbst die Aussage, dass Adoptivmütter nicht stillen können ist ein Mythos, ein Vorurteil, einfach nicht wahr. Doch, das können sie. Mit der richtigen Unterstützung der Hebamme oder auch noch einer Stillberaterin, kann das sogar sehr gut klappen.

Welches Vorurteil hat dich bisher am härtesten getroffen und von welcher Person kam dieses?

Zum einen das Vorurteil, ich sei keine „echte“ Mutter und könnte meine Kinder nie so lieben, wie wenn ich sie geboren hätte. Zum anderen die Aussage, meine Kinder würden niemals etwas erreichen im Leben, weil sie einfach immer schwerst traumatisiert durchs Leben gehen müssten und vermutlich kriminell werden. Beides ist schrecklich. Beides verletzt sehr. Und beides kam von wirklich eng befreundeten Personen bzw. aus dem engsten Familienkreis. So was ist anstrengend und so sinnfrei, weil es einfach nicht der Wahrheit entspricht.

Ich bin mit meinem ganzen Sein eine „echte“ Mutter. Ich kann mir keine tiefere Liebe, als die zu meinen Kindern vorstellen und bevor ich meine Kinder hatte, war mir nicht mal klar, dass ich so tief und rein und mit meinem ganzen Sein lieben kann.

Ich habe die gleichen Ängste und Zweifel wie jede andere Mutter. Ich bin genauso verliebt in meine Kids wie andere in ihre. Ich bin stolz auf jeden kleinen Entwicklungsfortschritt und das erste selbstgemachte Geschenk meiner Tochter war und ist kostbarer als alles, was ich zuvor geschenkt bekam.

Ich bin ohnmächtig bei mancher Trotzerei und sprachlos vor Glück, wenn sie mich anstrahlen oder fröhlich sind. Ich bin wie jede andere Mutter auch. Es sind meine Kinder. Ich bin ihre Mutter. Ja, sie sind nicht leiblich. Ja, sie sind adoptiert. Na und? 🙂 Das ist alles. Alles andere ist gleich. Wir sind eine Familie, wie jede andere auch.

Weshalb sollten meine Kids nichts erreichen? Ja, sie werden einmal ganz anders nach ihren Wurzeln suchen müssen, als andere. Und wenn sie das wollen, werden wir sie so gut es geht dabei unterstützen. Aber nur weil sie vielleicht anders nach ihren Wurzeln suchen müssen, bedeutet das nicht, dass das ihr ganzes Leben, ihr ganzes Sein bestimmen muss. Sie können dennoch alles erreichen. Sie können werden, was sie wollen. Und wir werden sie auf ihren Wegen unterstützen, sie lieben und halten und genauso hoffen und bangen, wie alle anderen Eltern, dass alles zu ihrem Besten geschieht.

Gibt es ein Vorurteil oder mehrere, die du hier gerne widerlegen möchtest? Eines das dich zum Beispiel am meisten nervt oder verletzt hat?

Ja, es nervt tatsächlich immer wieder angeschaut zu werden, als seien wir etwas „Besonderes“. Wir sind eine normale Familie. Manche kommen ehrfurchtsvoll und sagen, was für großartige Menschen wir sind, weil wir zwei Kinder adoptiert haben. Da müssen wir immer lachen und können nur antworten, dass das gar nichts mit Großartigkeit zu tun hat. Im Gegenteil, unsere Kinder sind unser größtes Glück! Sie sind die Großartigen.

Noch schlimmer finde ich allerdings den Zorn, das Unverständnis, dass der leiblichen Mama oft entgegen gebracht wird. Es ist einfach nicht wahr, dass jede Mutter, die ihr Kind weggibt ein Unmensch ist! Im Gegenteil, wie viel Mut, wie viel Liebe zu dem Kind muss dazu gehören, es in ein anderes Leben zu geben. Diesen Müttern, die ihren Kindern dadurch ein besseres Leben ermöglichen, die bereit sind die Schwangerschaft zu durchleben, das Kind zu gebären und dann in andere Hände zu legen, gehört meine Hochachtung, mein Dank!

Es macht mich traurig, wenn ich immer wieder böse Worte über abgebende Mütter höre. Ich kann nicht anders, ich MUSS dann etwas sagen. Ich muss das richtig stellen, für die leiblichen Mütter, für mich und mein Wahrheitsgefühl und vor allem auch für meine Kinder. Wie sollen sie sich fühlen, wenn sie glauben müssen ihre Bauchmama sein schlecht, weil sie sie zur Adoption freigegeben hat? Grausam finde ich das. Grausam und unwahr. Meine Kinder sollen wissen, dass ihre leibliche Mama eine tolle Frau ist, die selbstlos und voller Liebe gehandelt hat.

Sicherlich gibt es auch andere Seiten abgebender Eltern, aber es gibt auch „andere“ leibliche, andere pflegende Eltern. Wir müssen endlich aufhören Herkunftseltern zu verdammen und zu denken, sie hätten leichtfertig gehandelt. Ganz oft ist genau das nämlich nicht der Fall.

Gibt es Situationen, in denen du besonders viel Angst oder Respekt davor hast, was dein Gegenüber von dir denkt? Wann ist das?

Nein. Lustiger weise war ich früher eher ein Angsthase. Seit ich meine Kinder habe, hat sich das sehr gewandelt. Ich stehe ganz anders zu mir und dem, was ich kann. Ich weiß auch viel eher was ich kann, wo meine Stärken und auch wo meine Grenzen liegen. Und ich mache mir kaum mehr etwas daraus, was mein Gegenüber von mir denken könnte. Letzten Endes kann ich das eigentlich sowieso nicht beeinflussen. Und damit lebt es sich für mich sehr viel leichter.

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls viel gegen Vorurteile ankämpfen müssen?

Lasst euch nicht entmutigen für euch, eure Liebsten und euer Leben einzustehen. Was andere von euch und über euch denken, ist meistens deren Baustelle und nicht eure. Ich glaube wir Menschen brauchen immer Kategorien und Schubladen, um uns und das Leben in und um uns herum besser verstehen zu können. Darum katalogisieren wir schnell, erschaffen Schubladen und Denkstrukturen und kommen dann ganz schnell ins urteilen und auch verurteilen und Vorurteile erschaffen.

Ich finde es wichtig zu sich selbst zu stehen und klar zu sagen, was man selbst empfindet. Wenn ihr einem Vorurteil begegnet, dann klärt es für euch auf. Und lasst euch bitte nicht entmutigen. Es gibt immer auch die anderen, die ebenfalls gegen Vorurteile zu kämpfen haben und die, die gegen Vorurteile kämpfen. Das Wichtigste ist doch, wie es euch selbst damit geht. Wie ihr euch seht und wie ihr zu euch steht. 🙂

3 Kommentare

  1. Liebe Jule, Dein Interview hat mich sehr berührt. Vielen Dank dafür! Ich bin selbst betroffen, da ich ein Adoptivkind bin und kann nur sagen: jedes einzelne Deiner Worte ist so wahr. Ich würde gern soviel ergänzen aus Adoptivkindsicht, aber das würde den Rahmen sprengen. Nur so viel: meine Eltern haben neben mir noch ein leibliches Kind und wir wurden IMMER beide so behandelt wie leibliche Kinder. Ich wurde genauso geliebt und beschützt wie mein Bruder. Für meine Eltern gab es nie Unterschiede, und ich fühlte mich immer sehr gewollt. Ich kenne mittlerweile auch meine leibliche Mutter und die Umstände aus denen sie mich weggeben musste. Lass die Leute reden, denn sie wissen gar nichts. Meine leibliche Mutter jedenfalls war sehr mutig, der Schritt absolut nachvollziehbar und ich bin sogar dankbar, dass sie ihn gegangen ist. Denn sonst hätte ich niemals so wunderbare Eltern wie meine gehabt!
    Liebe Grüße

    • Jule sagt

      Liebe Anna,
      Danke für deine schöne Rückmeldung. Ich freue mich so sehr darüber.
      Alles Liebe, Jule

  2. Luna sagt

    Hallo Jule,
    ich hätte es besser gefunden, wenn du die abgebende biologische Mutter unterstützt hättest dass sie ihre Kinder selbst hätte großziehen können.
    Ich finde abgebende Mütter sind oft in Not und bräuchten Hilfe, Hilfe nicht in der Form, dass man ihnen ihre Kinder nimmt sondern der Mutter Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

    Klar, du bist froh diese Kinder bekommen zu haben, aber für die abgebende Mutter muss es brutal sein ihre Kinder weggeben zu müssen. Meistens ist es die blanke Not, die dazu führt, das so etwas schreckliches wie Adoption stattfindet.
    Das ist meine persönliche Meinung, sorry.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.