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Vorurteile: Über das Stiefmütter-Image, Bonuskinder und fehlende Akzeptanz

#Vorurteile: Das schlechte Image von Stiefmüttern

„Mama, ist die Stiefschwester von meiner Freundin böse?“ „Nein, warum sollte sie böse sein?“ Ich ahnte, worauf meine Tochter hinaus wollte und schob noch das böse Wort Stiefmutter nach. Mir schlugen ein erschrockener Blick und ein überzeugtes „Die ist aber böse!“ entgegen. Es war also für mich an der Zeit, meine Tochter über die Märchen der Gebrüder Grimm aufzuklären und etwas am Image der Stiefmütter und –schwestern zu arbeiten. Schon erschreckend, dass dieses Image auch unter Erwachsenen nicht wirklich besser zu sein scheint. Das Wort Bonuskinder habe ich hier zum ersten Mal gehört!!! Mich hat dieses Gespräch mit Melanie auf jeden Fall ziemlich vom Hocker gehauen!

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Liebe Melanie, dich und deinen Mann trennen acht Jahre Altersunterschied, außerdem war er vorher verheiratet und hat eine inzwischen 12-jährige Tochter mit in die Ehe gebracht und ihren 5-jährigen Bruder, der gar nicht von ihm ist, aber noch in der Ehe zur Welt gekommen ist. Ihr seid inzwischen Eltern einer 16 Monate alten Tochter. Das klingt kompliziert. Habe ich da etwas vergessen?

Nein, soweit alles vollständig zur Familienkonstellation.

Wie denkst du über eure Situation und was macht euch als Familie aus? Wahrscheinlich nicht nur dieses komplexe Familienkonstrukt.

Über meine Situation denke ich, dass wir es eigentlich ziemlich gut getroffen haben. Mit der Kindsmutter verstehen wir uns relativ gut und mein Mann sieht seine Tochter regelmäßig. Einige Fragen sich, was will man mehr? Aber auch hier läuft nicht immer alles glatt und man hat wie jede Familie mit den üblichen Problemen eines pubertierenden Teenagers zu tun.

Ist eure Familienkonstellation bei euch öfters ein Thema oder ist es eher etwas, was ausschließlich von außen an euch herangetragen wird?

Bei uns ist es im dem Sinne öfters Thema, da es ja auch um unsere Zukunft geht. Wir versuchen alles irgendwie so zu planen, dass die Tochter meines Mannes nicht zu kurz kommt, aber wir dennoch unsere Träume erfüllen können. Wenn ich neue Menschen kennenlerne und erzähle, dass ich eine Stieftochter habe, dann finden alle das immer ganz interessant und fragen natürlich, wie es so läuft.

Welches Vorurteil hat dich bisher am härtesten getroffen und von welcher Person kam dieses?

Ganz am Anfang unserer Beziehung hatte ich mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass ich Schuld an der Trennung wäre, da er noch nicht geschieden war und sich das hingezogen hat. Die zwei waren aber schon ein dreiviertel Jahr getrennt, als wir uns kennenlernten. Kam natürlich alles von Menschen, die uns gar nicht richtig kannten und noch nicht mal nachfragten.

Das schlimmste Vorurteil für mich ist aber, dass ich immer wieder gesagt bekomme, was für ein schlechter Mensch ich sei, da ich sie nicht liebe. Ich mag sie, akzeptiere sie zu einhundert Prozent und behandle sie wie jedes andere Familienmitglied auch. Aber ich bin der Meinung, ich muss sie nicht lieben – sowas kann man nicht erzwingen. Erst Recht nicht, wenn man die Liebe zu einem Kind kennenlernt, welches man selbst zur Welt gebracht hat. Sowas kommt aber auch wieder von Menschen, die man kaum bis gar nicht kennt.

Gibt es ein Vorurteil oder mehrere, die du hier gerne wiederlegen möchtest? Eines das dich zum Beispiel am meisten nervt oder besonders verletzend ist?

Das oben genannte, dass Stiefmütter schlechte Menschen sind und die Bonuskinder (so wird das im Stiefmutterkreis oft genannt) nicht akzeptieren, weil sie sie nicht lieben beziehungsweise nicht lieben wie ihre leiblichen Kinder.

Gibt es Situationen in denen du besonders viel Angst oder Respekt davor hast, was dein Gegenüber von dir denkt? Wann ist das?

Inzwischen nicht mehr. Ich bin nun seit fast sechs Jahren mit meinem Mann zusammen und wir haben schon so viel gemeistert, uns sehr viel aufgebaut und hart erarbeitet. Niemand weiß, wie ich mich fühle oder wieso ich wie handle, weil er es selbst nie erleben musste. Also interessiert mich die Meinung anderer auch nicht mehr.

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls viel gegen Vorurteile ankämpfen müssen?

Ich möchte allen Stiefelternteilen, insbesondere den Stiefmüttern mit auf den Weg geben, dass ihr wunderbares leistet. Und dies geschieht oft ohne Dank oder ohne, dass ihr es überhaupt müsstet. Legt nicht so viel Wert auf das, was andere über euch denken. Das macht euch nur kaputt und man ist, was das Thema ‚Patchwork‘ betrifft sowieso sehr emotional dabei.

1 Kommentare

  1. Danke für diesen Artikel !! Genau das ist es, niemand, der nicht selbst Stiefmutter ist weiß auch nicht wie man da denkt, fühlt und handeln muss. Liebe kann nur entstehen, wenn man die Chance hat einen anderen Menschen ersteinmal kennenzulernen und sich vertrauen kann. Das war bei mir nie möglich. Trotzdem habe ich alles getan was mir möglich war. Danke? Nie gehört. Im Gegenteil.

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