Vorurteile
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#Vorurteile: Späte Eltern eines autistischen Kindes

#Vorurteile: Autismus und späte Eltern

Kerstin und ihr Mann sind spät nochmal Eltern geworden. Einer ihrer Söhne leidet an Autismus. Was ist euer erster Gedanke? Im Interview hat Kerstin mir über ihr Leben mit ihrem autistischen Kind, Inklusion und die vielen Vorurteile gesprochen, mit denen späte Eltern umgehen können müssen. An ihrem Leben teilhaben könnt ihr auf ihrem Blog Tagaustagein.

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Liebe Kerstin, du und dein Mann seid Eltern eines sechsjährigen Sohnes, der an einer Autismus-Spektrums-Störung leidet. Das heißt er hat eine seelische Schwerbehinderung von 70% und wurde in die Pflegestufe 1 eingestuft. Du bist 45 Jahre und dein Mann 52 Jahre alt. Außerdem habt ihr noch ein dreijähriges Kind. Wie oft habt ihr schon gehört, dass ihr ein autistisches Kind habt, weil ihr so spät Eltern geworden seid?

Ich weiß nicht, ob das in unserem Umfeld vielleicht schon einmal jemand gedacht hat, laut ausgesprochen hat es bis jetzt noch keiner.

Wie denkst du über eure Situation und was macht euch als Familie aus? Wahrscheinlich nicht nur die späte Elternschaft und der Autismus deines Sohnes.

Ich denke, die Situation in der wir uns befinden, können wir nicht ändern. Wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Es gibt wesentlich schlimmere Krankheiten oder Behinderungen, darum bin ich froh, dass unser Sohn „nur“ an Autismus leidet. Wir bemühen uns, diese Autismusstörung nicht dauernd zum Thema zu machen und versuchen unser Familienleben so „normal“ wie möglich zu gestalten. Wir sind eine fröhliche Familie und bei uns gibt es immer etwas zu lachen. Mein Mann und ich halten zusammen, reden viel miteinander, respektieren uns und gehen sehr liebevoll miteinander um. Das vermitteln wir auch unseren Jungs. Es gab und gibt immer wieder anstrengende Zeiten, wie zum Beispiel die letzten fünf Jahre, als meine Schwiegermutter, die zusammen mit ihrer 100-jährigen Tante mit zu uns ins Haus gezogen ist, an Demenz erkrankte. Ich hatte hier dann drei Pflegefälle und ein Baby zu versorgen. Gerade diese Zeiten haben uns als Familie noch stärker zusammengeschweißt.

Sind die späte Elternschaft und der Autismus bei euch in der Familie ein Thema oder ist es eher etwas, was ausschließlich von außen an euch herangetragen wird?

Bei uns in der Familie ist das kein Thema. Mein Mann und ich machen uns eher einen Spaß daraus, immer mal wieder zu klären, wer denn nun „Schuld“ von uns beiden ist, dass wir so spät nochmal Eltern geworden sind.

Von außen kam anfangs schon die eine oder andere Bemerkung, ob das jetzt wirklich nochmal nötig ist, in unserem Alter ein Kind in die Welt zu setzen. Das haben wir einfach ignoriert. Jeder soll sein Leben so leben, wie er es will.

Wie funktioniert die Inklusion in eurem Wohnort? Ist es eher ein Thema, dem eindeutig mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsste oder ist Inklusion bei euch kein Fremdwort, sondern wird gelebt?

Wir gehen mit dem Thema Autismus nach außen hin sehr offen um und haben bis jetzt damit nur gute Erfahrungen gemacht. Inklusion ist im Fall von unserem Sohn eher weniger angebracht, da er besondere Betreuung benötigt. Er geht in einen speziellen Schulkindergarten und wird auch in eine spezielle Schule für Autisten gehen.

Bei Freizeitaktivitäten wie Musikschule oder Schwimmkurs ist er integriert und fühlt sich wohl. Wir haben schon bei der Anmeldung mit den Leitern gesprochen und seine Andersartigkeit erklärt. Diese Offenheit hat ihm nicht geschadet, ganz im Gegenteil, wir haben dadurch viele positive Erfahrungen gemacht. Ich weiß aber von vielen Familien mit autistischen Kindern, bei denen dies nicht der Fall ist. Die Inklusion funktioniert in Deutschland noch längst nicht wie in anderen Ländern.

Welches Vorurteil hat dich bisher am härtesten getroffen und von welcher Person kam dieses?

Es gab zwei Sätze, die mich sehr getroffen haben: „So habt ihr es wollen, so habt ihr es bekommen“ und die andere Aussage in Bezug auf unserer Kinder war „selbst geschaffenes Übel“. Wer das gesagt hat, möchte ich lieber für mich behalten.

Gibt es ein Vorurteil oder mehrere, die du hier gerne wiederlegen möchtest? Eines das dich zum Beispiel am meisten nervt oder besonders verletzend ist?

Vorurteile gegenüber später Eltern gibt es viele. Wir könnten bestimmte sportliche Aktivitäten mit unseren Kindern nicht mehr machen, wir hätten nicht mehr so starke Nerven und würden unsere Kinder nicht so lange begleiten, da wir schon so alt sind und bald sterben müssen.

Alles Blödsinn sage ich. Ich habe den direkten Vergleich, denn ich bin mit 23 zum ersten Mal Mutter geworden. Meine große Tochter ist jetzt 22 und geht schon ihren eigenen Weg. Mit 23 hatte ich Beziehungsprobleme, war finanziell nicht in der besten Lage und mit dem Job sah es auch nicht rosig aus. Sorgen, die ich heute nicht mehr habe. Ich bin viel entspannter und gelassener als früher, fühle mich angekommen und mit beiden Beinen fest im Leben stehend. Dieses „mir-macht-keiner-was-vor“-Gefühl macht mich stark und das überträgt sich auch auf die Kinder.

Gibt es Situationen, in denen du besonders viel Angst oder Respekt davor hast, was dein Gegenüber von dir denkt? Wann ist das?

Nein, früher war das mal so, aber jetzt nicht mehr. Es ist mir egal, was andere von mir denken. Ich weiß wer ich bin, was ich kann und ich muss es nicht mehr jedem Recht machen. Das mag arrogant klingen, ich muss aber nicht mehr Everybody‘s Darling sein.

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls in keine Schublade so richtig rein passen und viel gegen Vorurteile ankämpfen müssen?

Mir gefällt dieses ganz Schubladendenken nicht. Jeder Mensch ist doch besonders und einzigartig. Das sollte endlich mal akzeptiert werden. Was andere denken ist egal, wichtig ist was DU denkst. Und egal wie „bescheiden“ eine Situation ist, es gibt immer eine Lösung. Das kann ich wirklich aus Erfahrung sagen.

3 Kommentare

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  2. S. Bellmann sagt

    Ich war / bin ein Kind von „späten“ Eltern. Meine Mutter war bei meiner Geburt 39 Jahre alt, mein Vater 41 Jahre. Schon in der Schule hatte ich unter den Hänseleien meiner Mitschülern zu leiden. Heute wird es das kaum noch geben, sind doch fast alle etwas später dran. Ich hatte ein schöne, behütete Kindheit. Und trotzdem hätte ich mir jüngere Eltern gewünscht. Als mein Berufsleben startete, ging meine Mutter in die Altersrente. Mein Vater starb, als ich 33 Jahre alt war. Heute nun bin ich 51, meine Mutter 91. Der Spagat für mich wird immer größer, einerseits möchte ich meine Mutter in ihren letzten Jahren unterstützen und für sie da sein, andererseits muss ich voll arbeiten gehen und bin auch nicht mehr so belastbar wie vor 20 Jahren. Theoretisch könnte ich auch schon ein „junger Rentner“ sein, frei in der Gestaltung des Tages und doch noch rüstig genug, sich um die betagte Mutter zu kümmern. Späte Elternschaft ist auf jeden Fall für die betreffenden Eltern ein Glück, für die betreffenden Kinder nicht immer.

    • StyleMom sagt

      Das kann ich mir gut vorstellen, dass es für die Kinder oft schwer ist. Vor allem mit den Hänseleien der anderen. Von einer Freundin weiß ich, dass sie früher oft gesagt hat, dass ihr deutlich älterer Vater ihr Opa ist. Heutzutage ist es ja tatsächlich „normal“, so spät Eltern zu werden. Das macht es für alle Beteiligten leichter bzw. es sind eher die Eltern, die einen schiefen Blick bekommen, da die Risiken ja steigen.

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