Vorurteile
Kommentare 9

#Vorurteile – Großfamilie + Patchwork + Down-Syndrom

#Vorurteile - Großfamilie + Patchwork + Down Syndrom

Anja lebt mit ihrer großen Patchwork Familie auf einem Bauernhof. Dass sie mit einem Down Syndrom Baby schwanger ist, hat sie bereits während der Schwangerschaft erfahren und wurde von einem vermeintlichen Freund mit der vorwurfsvollen Frage „Sowas wollt ihr doch wohl nicht austragen?!“ konfrontiert. Mehr über Anja und ihre Familie lest ihr auf Look for the good. Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Ich freue mich auf eure Geschichten und entlasse euch in das spannende Interview mit Anja.

Alle anderen Artikel zur Beitragsreihe #Vorurteile findet ihr hier.

Liebe Anja, ihr seid eine ziemlich lebendig-bunte Familie. Auf deinem Blog Look for the good beschreibt ihr euch als Groß- und Patchworkfamilie, Christen, außerdem habt ihr eine fünfjährige Tochter mit Down-Syndrom. Habe ich noch einen wichtigen Punkt vergessen, der euch „besonders“ macht? Was denkst du macht euch als Familie aus? Wahrscheinlich nicht nur die Attribute, die ich gerade aufgezählt habe.

Wir haben uns schon sehr lange vom perfekt sein verabschiedet und wir stehen dazu, dass unser Lebensentwurf einfach in keine Schublade passt. Wir wohnen in einem alten Bauernhof, den mein Mann liebevoll Stück für Stück renoviert. Und doch muss hier eben auch noch so viel gemacht werden. Einzig unsere große Tochter hat das Privileg eines eigenen Zimmers, die kleinen Mädchen schlafen bei uns im Familienschlafzimmer, die Jungs auch gemeinsam in einem Zimmer. Wobei sich diese Situation im Laufe des Jahres, wenn wir mit dem Ausbau weiter kommen, wohl ändern wird. So, jetzt haben wir fünf Kinder, Tiere, (Hund, Pferd, Meerschweinchen, Hasen), ich nähe viele Kleidungsstücke selbst und stille die jüngste noch. Außerdem wohnen wir auf einem Bauernhof. Wer hat jetzt nicht das Bild einer „Ökofamilie“ vor sich? Aber das Bild passt leider auch so gar nicht zu uns! Wir achten zwar darauf, nachhaltig und regional zu kaufen, aber meine Kinder dürfen Technik besitzen und haben auch nicht immer pädagogisch wertvolles Spielzeug.

Wie gehen eure Kinder und eure Familie mit eurer Familienkonstellation um, bezogen auf Patchwork-Großfamilie mit einem Down-Syndrom-Kind. Welcher Punkt ruft hier die meisten Vorurteile bei deinem Gegenüber außerhalb der Familie hervor?

Beide Punkte zu gleichen Teilen. Oft ist der erste Eindruck: Oh haben die viele Kinder! Der zweite Blick geht dann direkt auf Sontje, unsere Tochter mit Down Syndrom. Ich finde es immer interessant, was sich dann in den Gesichtern abspielt. Von Unglaube, bis Abwertung und Hochachtung hatte ich schon alles dabei. Für unsere Kinder ist es ganz normal. Im Gegenteil, oft habe ich das Gefühl, dass sie die Aufmerksamkeit, die wir bekommen in den Momenten genießen.

Welches Vorurteil hat dich bisher am härtesten getroffen und von welcher Person kam dieses?

Am härtesten getroffen hat mich in Sontjes Schwangerschaft die Aussage eines damals guten Freundes: „Sowas wollt ihr doch wohl nicht austragen?!

Wie hast du darauf reagiert?

Ich konnte in dem Moment eigentlich gar nicht reagieren. Das war das erste Mal, dass ich mit Vorurteilen in Bezug auf Sontje konfrontiert wurde und ich war schlichtweg überfordert, gerade aus dem Mund eines guten Freundes sowas zu hören. Letztlich ist eigentlich nach dieser Aussage vom ihm der Kontakt so gut wie abgebrochen.

Gibt es ein Vorurteil oder mehrere, die du hier gerne wiederlegen möchtest? Eines das dich zum Beispiel am meisten nervt oder verletzt?

Mmmh? Vielleicht, dass man nicht unbedingt asozial sein muss, um viele Kinder zu haben. Wir bekommen keine Sozialhilfe, obwohl mein Mann so gut wie allein arbeitet, bis auf die wenigen Fotoshootings die ich noch mache. Er hat eine sehr gute Position in der Wirtschaft.

Gibt es Situationen in denen du besonders viel Angst oder Respekt davor hast, was dein Gegenüber von dir denkt? Wann ist das?

Nein eigentlich nicht. Ich weiß wer ich bin und wo ich stehe und ich versuche dieses Selbstwertgefühl auch an meine Kinder mitzugeben.

Hat deine Lebenssituation schon dazu geführt, dass Vorurteile in Hass umgeschlagen sind? Wenn ja, was hast du dabei gefühlt und wie hast du reagiert? Vor allem mit deinem Blog Look for the good machst du dich für die Öffentlichkeit ja angreifbar.

Naja, sicher gab es da schon den einen oder anderen verletzenden Kommentar. Allerdings habe ich oft nicht die Kraft und Muße, mich näher mit dem auseinanderzusetzen. Deshalb werden die oft schon veröffentlicht, aber auch getrost ignoriert.

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls in keine Schublade passen?

Ihren Weg gehen. Kein Mensch und Lebensentwurf ist gleich und das ist auch gut so. Schon in der Bibel im Alten Testament heißt es, dass Gott jeden einzelnen wunderbar und gut gemacht hat, aber jeder ist anders und das sollte man lernen zu respektieren- im Alltag, im Glauben, im Leben. Was für den einen gut ist, muss für den anderen nicht auch gleich gut sein. Man muss mutig seinen Weg gehen. Wir haben uns entschlossen einen Weg mit Jesus zu gehen, auch wenn wir hier oft auch schon auf Unverständnis gestoßen sind, eben weil es für uns auch nicht nur bedeutet am Sonntag in den Gottesdienst zu gehen, sondern Jesus in unser tägliches Leben mit reinzunehmen, ihn wirken zu lassen. Ich würde mir wünschen, dass Eltern es schaffen, ihre Kinder zu stärken. Ihnen zu vermitteln, dass sie wertvolle Menschen sind, denn wenn sich jemand dessen bewusst ist, kann er zu einer guten Gesellschaft beitragen.

9 Kommentare

  1. Toll. Ich glaube ich hab von Anja und Ihrer Familie schon mal in der Zeitung gelesen (Eltern). Ich fand den Artikel total beeindruckend. Daher ist mir auch der Name von dem Sonnenschein Sontje in bleibender Erinnerung geblieben. Ich denke auch, das jeder sein Leben so gestalten soll, wie er es für richtig hält. Liebe Grüße Kerstin

    • StyleMom sagt

      Genau so sollte es sein. Sein Leben, seine Entscheidungen und dafür die anderen Menschen auch nach deren besten Wissen handeln lassen. Wenn alle gleich wären, dann wäre es ziemlich eintönig und langweilig auf der Welt. Es würde uns an sämtlicher Inspiration fehlen.

  2. Das ist so schlimm, dass Leute ernsthaft solch eine Frage stellen. Aber es kommt doch immer wieder vor. Eine gute Bekannte von mir erfuhr ebenfalls in der Schwangerschaft, dass das Kind eine seltene Erbkrankheit hat und man noch nicht wisse, ob das Kind überhaupt überlebt. Sie sollte innerhalb von 3 Tagen überlegen, ob sie eine späte Abtreibung macht.
    Sie entschied sich das Kind zu bekommen und bekam ständig diese Frage gestellt.
    Es hat sie fertig gemacht. Und ich triumphiere innerlich, denn: Das Kind ist mittlerweile 2 Jahre alt, hat diverse Operationen gut überstanden. Trägt zwar ein Hörgerät und hatte lange eine Magensonde, aber ist sooo unfassbar witzig und gut gelaunt! Das Kind läuft und versteht alles! Eine Bereicherung für die ganze Familie. Und hat sich so viel besser und weiter entwickelt als es die Ärzte nach der Geburt gesagt hatten. Sie hatten sogar gesagt, das Kind würde kein Jahr alt.
    Also, man sollte sich davor hüten, solch blöde Sprüche zu machen. Für die werdende Mutter ist es emotional ohnehin schwierig genug. Ich finde solche Mütter sollte man ehren und unterstützen in ihrer oft mutigen Entscheidung und ich bewundere sie um ihre Kraft so klar zu sagen: Ich nehme an, was da kommt! Und wer entscheidet denn eigentlich was Lebenswert ist????

    • StyleMom sagt

      Ich bringe auch Null Verständnis dafür auf, dass jemand anderes seine Meinung dazu abgibt, ob das Kind leben darf oder nicht. Die Eltern treffen diese Entscheidung und sonst niemand. Es gehört bestimmt ganz viel Mut dazu, so eine Entscheidung zu treffen, egal wie man sich schlussendlich entscheidet. Hier kann man nur jedem raten etwas mehr Taktgefühl zu haben, sich die Sorgen der Eltern anzuhören, aber doch bitte nicht zu urteilen.

  3. Jessica sagt

    Ich habe 8 Kinder, 8 Jungs!
    Oft werden wir wir dafür verurteilt. Manche empfinden Respekt, andere betiteln uns als asozial.
    Ich habe nie jemanden verurteilt, lasse Leute ihr Leben leben. Denn es geht mich nichts an welche Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen haben. Ich akzeptiere sie so wie sie sind. Warum in aller Welt nehmen sich einige das Recht raus uns zu verurteilen, weil wir nicht so sind wie die Gesellschaft es möchte? Wer muss denn mein/ unser Leben leben außer wir selbst???
    Ich bewundere Euch sehr und wünschte ich könnte schon auf so eine entspannte, kluge und wundervolle Sichtweise zurückgreifen!
    Ich versuche es oft, doch es will mir noch nicht immer gelingen.
    Ich lese Deinen Blog gern und verstehe Dich auch als Vorbild was die Einstellung betrifft.
    Lieben Dank dafür

    • StyleMom sagt

      Bei 8 Jungs ist ja bestimmt immer ordentlich Trubel bei euch. Freue dich darüber, dass du immer Action hast, immer jemand bei dir ist und du von 8 wundervollen Jungs Mama genannt und geliebt wirst. Wer das verurteilt ist es nicht wert mit euch befreundet zu sein. Und ich wünsche dir, dass du in jeden Tag mit ein bisschen mehr Selbstvertrauen startest. Denn du hast keinen Grund dich klein zu fühlen. Fühle dich gedrückt ♥

  4. Wenn es Anja und ihre Familie nicht gäbe, man müsste sie erfinden. 🙂 Ich bin so froh sie persönlich zu kennen und jedes ihrer Kinder ist ein kleiner oder auch schon größerer perfekter eigener Charakter und wenn es eine Familie gibt, die für mich rund (trotz Ecken und Kanten) und perfekt ist, dann diese mit einer wahnsinnig tollen Frau als Mittelpunkt, die nicht nur Mutter sondern auch eine ganz tolle Freundin ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.