Vorurteile
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#Vorurteile – Die Geschichte einer Trans*frau

#Vorurteile - Transgender

Heute habe ich ein besonders spannendes Interview zum Thema Vorurteile. Philippa ist ein Trans*mensch. Also eine Trans*frau. Das heißt, sie ist ein Mensch bei dem das äußere und das seelische Geschlecht nicht übereinstimmen. Philippa wurde als kleiner Junge geboren, war äußerlich lange Zeit ein Mann und hat sich vor einigen Jahren langsam an ihr nun weibliches Erscheinungsbild herangetastet. Was das mit ihrer Familie gemacht hat und wie sie mit den Vorurteilen umgeht, das erzählt sie uns nun in ihrem Interview. Für mich eine besonders spannende Lebensgeschichte, da ich mit diesem Thema bisher nie in Berührung gekommen bin. Wie ist es bei euch?

Alle anderen Artikel zur Beitragsreihe #Vorurteile findet ihr hier.

Liebe Philippa, als Trans*mensch kann ich mir sehr gut vorstellen, dass du sehr schnell die Blicke und jede Menge Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Wie gehst du damit um? Erzähl uns ein wenig von deinem Leben.

Ich will als die Frau, die ich innerlich schon immer war, wahrgenommen werden. Als ganz normale Frau. Das heisst auch, dass ich nicht immer Blicke und Aufmerksamkeit auf mich ziehen will, sondern eben auch mal „graue Maus“ sein will. Ich liebe mich selbst, empfinde mich als schöne Frau und sage mir das auch jeden Morgen vor dem Spiegel.

Mittlerweile habe ich in Bezug auf mein Äußeres ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Ich weiß, dass ich von der Natur begünstigt bin (Haare, Körperbau, Beine!) und von meiner Umwelt tatsächlich als Frau wahrgenommen werde. Seit Beginn der Transition vor drei Jahren versuche ich, als Kosmetikerin und Elektrologistin mit eigener Praxis den Lebensunterhalt zu verdienen. Das funktioniert mehr schlecht als recht, so dass ich jetzt wieder einen Job suche. Aufgeben will ich die eigene Praxis aber nicht.

Wie alt warst du, als du den optischen Wandel zur Frau vollzogen hast? Wie hat dein Umfeld darauf reagiert und wie war es für deine Kinder zu dem Zeitpunkt? Wurdest du von deiner Familie unterstützt oder gab es hier erstmal vorwurfsvolle Blicke und Unverständnis?

Das passierte nicht an einem Tag. Die letzte Etappe begann vor fünf Jahren mit einer allmählichen Umstellung meiner Garderobe auf Kleidung für Frauen, die jedoch immer noch für eine eher männliche Erscheinung sorgten. Vor vier Jahren begann eine feste Beziehung zu einer Frau, während der wir auch als zwei Frauen shoppen waren. Meine Kleidung wurde also zusehends weiblicher. Ich begann während dieser Zeit auch, mich regelmäßig zu schminken. Nur leicht, aber ich denke durchaus erkennbar.

Und vor drei Jahren ging diese Beziehung zu Ende, weil meine damalige Partnerin in mir nicht mehr den Mann sehen konnte, sondern nur noch die Frau. Wenige Tage später wurde mir klar, dass ich nicht mehr in der Rolle als Mann leben konnte. Seit dem 17. Mai 2013 lebe ich als Frau, bin heute fast 59 Jahre alt. Die Optik entwickelt sich natürlich weiter. Zu dem Zeitpunkt war es für mein Umfeld und meine Familie, also meine Mutter und meinen Bruder auf der einen Seite und meine Kinder auf der anderen Seite unterschiedlich schwierig, mit meiner Veränderung umzugehen. Meine Kinder haben Zeit gebraucht, um sich das erste Mal mit mir treffen zu können – und brauchen immer noch Zeit, um mit der auch gedanklich komplexen Situation umgehen zu können. Ich bin ihr Vater und werde es immer sein. Jetzt bin ich aber eine Frau. Wie geht das zusammen: eine Frau, die Vater ist?

Meine Mutter hat sich unglaublich offen und positiv mit der Thematik auseinander gesetzt. Insgesamt bin ich sehr froh, dass ich zu fast allen Menschen meiner Familie Kontakt habe und nicht mit meinem Outing plötzlich alleine dastand.

Wie denkst du über euer Leben und was macht euch als Familie aus? Wahrscheinlich nicht nur die Eigenschaft, dass du eine Trans*frau bist die Kinder hat.

Ein Familienleben gibt es nicht. Das hat mehrere Gründe:

  • Meine Kinder sind 24 (Tochter) und 22 (Sohn) Jahre alt und leben ein eigenes Leben. Sie leben nicht in der gleichen Stadt wie ich, sondern 200 km entfernt.
  • Die Mutter der Kinder und ich sind seit sieben Jahren geschieden, wir haben schon vor meiner Transition kaum noch Kontakt gehabt, seither gar keinen mehr.
  • Schon vor und erst recht nach Trennung und Scheidung habe ich viel zu viel getrunken und damals schon das Vertrauen meiner Kinder verloren.

Auch wenn es kein Familienleben mehr gibt, so besteht doch eine sehr starke emotionale Bindung. Das zeigt sich bei meinen Kindern in der Schwierigkeit, mit der immer noch neuen Situation zurecht zu kommen und mir zu begegnen. Und ich vermisse den engeren Kontakt und fühle mich verantwortlich dafür. Nicht wegen der Transition, sondern wegen meiner heftigen Trinkerei, die sehr viel Vertrauen zerstört hat. Andererseits: Ohne Transition kein trockenes Leben. Der Weg aus dem Alkohol war gleichzeitig der Weg ins Leben als Frau.

Welches Vorurteil hat dich bisher am härtesten getroffen und von welcher Person kam dieses?

Da war der Mann in meinem Alter, der mir nicht besonders nahe stand. Ich oute mich und von einer Sekunde auf die nächste bin ich einfach nicht mehr existent.

Mein Bruder wollte (und will?) nicht wahrhaben, dass meine Veränderung eine Angleichung meiner Lebensumstände an mein schon immer vorhandenes gefühltes Geschlecht darstellt. Schlimm, weil er gelernter Mediziner ist und ich mehr Toleranz erwartet hätte. Verständlich, weil er seit 25 Jahren in einer restriktiven Gesellschaft lebt und von ihr stark geprägt ist. Singapur zeigt noch nicht einmal für gleichgeschlechtliche Beziehungen Toleranz, geschweige denn für Trans*menschen.

Gibt es ein Vorurteil oder mehrere, die du hier gerne wiederlegen möchtest? Eines das dich zum Beispiel am meisten nervt oder verletzt?

Wir Trans*menschen lassen unser Geschlecht nicht umwandeln, das ist gar nicht möglich. Wir lassen unseren Körper angleichen, das biologische an das gefühlte Geschlecht anpassen, so gut es geht. Das verringert das seelische Leid doch ganz beträchtlich und macht uns lebenstüchtiger.

Das Geschlecht hat nix mit der sexuellen Präferenz zu tun. Ich selbst war hetero und bin jetzt lesbisch. Da kann ich mich bei der mehrfach gehörten Frage „Dann bist du jetzt schwul?“ eigentlich nur noch fremdschämen. Muss eine Urangst von Heteromännern berühren, nur die fragen so einen hirnlosen Mist.

Gibt es Situationen, in denen du besonders viel Angst oder Respekt davor hast, was dein Gegenüber von dir denkt? Wann ist das?

Wenn ich, was leider sehr selten geschieht, meinen Kindern gegenüber stehe.Wenn ich Menschen, vor allem Männern, begegne, die mich nur aus meinem früheren Leben kennen. Je enger die Beziehung war, desto mehr Respekt und Aufregung nehme ich in solche Begegnungen mit.

Bewerbungsgespräche sind schwierig. Da hab ich schon als Mann so viel „schwierige“ Menschen erlebt und als Frau mit meiner Geschichte und in meinem Alter wird’s nicht einfacher.

Was möchtest du anderen mit auf den Weg geben, die ebenfalls in keine Schublade so richtig rein passen und viel gegen Vorurteile ankämpfen müssen?

Wir sind das Salz in der Suppe. Ich stehe zu meiner Besonderheit und bin gleichzeitig so „normal“ wie möglich. Ich versuche nicht gegen Vorurteile zu kämpfen. Das erzeugt Druck, nicht zuletzt bei mir selbst und Gegendruck und führt dann doch zu nix.

Besser finde ich es, durch mein Tun und mein Wesen, meine offene Art auf sanfte Weise zu einer Änderung beizutragen: „Schau mal, die ist ja eigentlich ganz normal…“

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