Mom at work
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Mom at Work: Selbstständig mit ökologischer Kindermode zum Mieten

Heute erzählt uns Astrid (38) von Ihrer Rückkehr in den Job. Sie hat sich mit einem tollen Projekt selbstständig gemacht, denn Astrid verleiht ökologisch nachhaltige Kindermode und sorgt so für mehr Nachhaltigkeit in deutschen Kleiderschränken. Die Künstlerin lebt zusammen mit Ihren beiden Söhnen (14 und 2 Jahre) und Ihrem Mann in Halle.

Wie lange warst du in Elternzeit? War die Dauer eine bewusste Entscheidung?

Mio war 2 Jahre und drei Monate zu Hause. Danach habe ich ihn ganz sanft in den Kindergarten eingewöhnt (es geht tatsächlich ohne Tränen!) und inzwischen ist er jeden Tag für 3 h dort. Die Dauer war eine sehr bewusste Entscheidung, da ich weiß, wie enorm wichtig die ersten drei Jahre im Leben jedes Menschen sind. Ich möchte Mio in dieser Zeit so viel wie möglich für sein weiteres Leben mitgeben.
Wir sind nach wie vor sehr eng miteinander verbunden, wir schlafen im Familienbett, ich stille ihn noch und war bisher nie länger als ein paar Stunden von ihm getrennt. Es ist mir sehr wichtig, dass der Loslösungsprozess zwischen uns ganz natürlich von statten gehen darf, dass er sich entwickeln darf und alles seine Zeit haben darf. Ich sage darf, weil es viel mit Zulassen und Vertrauen zu tun hat, dass die Dinge sich wandeln, wenn sie reif dafür sind. So hat Mio zum Beispiel irgendwann selbst nach seiner Oma gefragt und aktiv Zeit mit ihr eingefordert. Es ist schön und sehr berührend, seine Schritte in seinem Tempo zu begleiten und auch eine riesige Herausforderung für die ungeduldige und zielorientierte Seite in mir.

Was ist dein momentaner Job?

Ich habe Mitte Mai ein kleines Unternehmen namens Räubersachen gegründet. Es ist für mich zurzeit sehr berührend zu erleben, wie eine Idee, die mich begeistert, Wirklichkeit wird und auch andere Menschen begeistert. Räubersachen vermietet ökologische Kleidung aus Wolle/Seide und Wolle für Babys und Kleinkinder. Mein Wunsch ist es, die hochwertigen und wunderschönen Sachen möglichst vielen Eltern zugänglich zu machen und sie durch gute Pflege und Reparaturen wirklich nachhaltig zu nutzen. Aus diesem Grund bietet Räubersachen die Kleidung und Schuhe in verschiedenen Zuständen an, je nach Wunsch und finanziellen Möglichkeiten der Eltern. Es geht mir auch darum einen Weg zu zeigen, wie wir jenseits des Besitzens doch mit allem was wir wollen und brauchen versorgt sein können.

Hast du diesen Job ursprünglich gelernt und passt er zu deinen Qualifikationen?

Ich bin Künstlerin und habe seit meinem Diplom 2008 an vielen Projekten gearbeitet. Kreatives und schöpferisches Arbeiten ist mir vertraut, dennoch bietet Räubersachen für mich in vielerlei Hinsicht große und neue Herausforderungen. Da ich es mag Neues zu lernen und zu erfahren, arbeite ich oft bauchorientiert: Was sich gut anfühlt, das weist mir den Weg. Dabei versuche ich mich nicht zu oft zu hinterfragen und bin bereit auch aus Fehlern zu lernen. Es macht mir einfach Spaß Sachen selbst erfahren zu können, auch wenn es wahrscheinlich mühsamer und aufwendiger ist, als gleich Profis zu Rate zu ziehen. Da ich überzeugt davon bin, dass es viele verschiedene Wege gibt, macht es mir nichts aus, auch mal auf Trampelpfaden und Nebenstraßen unterwegs zu sein.

Vor kurzem ist mir aufgefallen, dass ich mit Räubersachen im Grunde auch meine künstlerischen Themen weiterführe. Ich beschäftige mich in der Kunst viel mit Zeit und Spuren, die diese beim Vergehen hinterlassen. So habe ich beispielsweise einen Weg mit weißer Kreide angestrichen und beobachtet, welche Spuren die Menschen beim Betreten und Befahren auf ihm hinterlassen. Derzeit entsteht eine Reihe von Zeichnungen, die alltägliche Vorgänge wie beispielsweise das Stillen eines Kindes oder Schlafen über einen Zeitraum von drei Monaten mit dem Bleistift abbildet. Und genau diese Themen gibt es auch bei Räubersachen. Welche Spuren hinterlässt ein Kind an einem Kleidungsstück und welche Spuren hinterlassen weitere Kinder. Für mich sind diese Spuren etwas sehr schönes, etwas das vom gelebten Leben erzählt und dem wir mit Würdigung und Demut begegnen sollten. Neulich habe ich auf Facebook das erste Paar gebrauchter Schuhe bei Räubersachen gepostet und eine Mutter hat den Kommentar: „Gebraucht sehen sie noch schöner aus.“ dazu geschrieben. Das hat mich so gefreut, denn das ist genau meine Haltung. Die Sachen werden durch den Gebrauch schöner und reicher. Aus diesem Grund ist es auch so wichtig, sie liebevoll zu pflegen.

Gibt es einen besonderen Grund oder Auslöser, warum du nicht mehr beim gleichen Arbeitgeber wie bereits vor der Schwangerschaft arbeitest?

Den Lebensunterhalt für mich und meine Kinder als Künstlerin zu bestreiten ist unglaublich hart. Man hangelt sich von einem Stipendium zum nächsten und jedes Mal ist es wieder ungewiss, wie es weiter geht. Sicherheiten gibt es maximal für ein Jahr, danach beginnt man gefühlt wieder von vorn. Diesen Zustand konnte ich immer schlechter aushalten und mein Bedürfnis nach etwas sinnvollem und doch finanziell Beständigerem ist gewachsen.

Du hast dich für die Selbstständigkeit entschieden, die ja auch für „ständig und selbst“ steht. Warum hast du diesen Schritt gewagt und was ist für dich der Vorteil gegenüber der Festanstellung?

Da ich auch als Künstlerin selbstständig tätig bin, ist hier kein Unterschied. Allerdings kann ich auch auf zwei Jahre Anstellung zurück blicken und diese als Vergleich heranziehen. Diese beiden Jahre hatten durchaus etwas sehr Erholsames an sich. Auf Dauer jedoch liegt mir die Selbstständigkeit mehr, denn ich liebe die Freiheit, wirklich eigene Entscheidungen treffen zu können. Für alles was ich tue trage ich die Verantwortung und auch für alles, was ich nicht tue. Das gibt mir viele Möglichkeiten und Anstöße zu persönlicher Entwicklung.

In wie fern decken sich deine Erwartungen in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Job vor der Geburt mit der Realität, die sich dann erst im Alltag gezeigt hat?

Da ich schon ein Kind hatte, wusste ich ziemlich genau worauf ich mich einlasse. Dennoch ist jedes Kind anders und auch die Bedürfnisse ändern sich manchmal sehr schnell. Nach über zwei Jahren Elternzeit spüre ich nun auch sehr deutlich, dass ich wieder mehr eigenen Raum brauche. Wenn es mir gut gelingt, mir diesen Raum einzurichten, kann ich meiner Familie schon nach kurzer Zeit wieder liebevoll begegnen und mich auf die Bedürfnisse der Kinder einlassen.

Ist dein Job gut mit der Familie zu vereinbaren oder ist es eher schwierig?

Meine Arbeit ist sehr gut mit der Familie zu vereinbaren. Aus diesem Grund habe ich sie auch genau so für mich erschaffen. Diesen Punkt meinte ich auch vorhin, als ich sagte, dass mir eigene Entscheidungen und Verantwortung so wichtig sind. Wenn sich etwas als schwierig herausstellt, gibt es immer Möglichkeiten Dinge zu ändern. Ich kann Sachen liegen lassen, meine Haltung ändern oder mir Hilfe besorgen. Diese Freiheit zu haben, die Dinge für mich und meine Familie gut einzurichten, ist der Dreh- und Angelpunkt. Natürlich klingt das erst mal super, ist aber auch ein teilweise schwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen reibungslos umzusetzen ist.

Wie schaffst du den Spagat zwischen deiner Familie und deinem Job?

Als allererstes versuche ich es gar nicht erst als Spagat wahrzunehmen, sondern als gegenseitige Bereicherung. Die Geburten meiner beiden Söhne haben in mir jeweils neue Seiten und Talente mit zur Welt gebracht. Ohne meine Kinder, würde es sehr wahrscheinlich weder meine Kunst noch Räubersachen geben. Und dann treffen mein Partner und ich möglichst klare Absprachen. Es gibt fest geregelte Arbeitszeiten für mich, auf die ich mich verlassen kann. Wenn Termindruck ist, versuchen wir uns gegenseitig zu unterstützen und dem anderen mehr Zeit einzuräumen. Die Hausarbeit ist aufgeteilt und wir versuchen nicht zu perfektionistisch in Punkto putzen und kochen zu sein. Wenn Familienzeit ist, machen wir oft etwas, das für alle bereichernd und schön ist. Wir haben zum Beispiel einen Schrebergarten, in dem sich jeder von uns nach Lust und Laune eigenen kleinen Projekten widmen kann: matschen, Erdbeeren essen, in der Hängematte lesen, mit Wasser spielen, Pflanzen und Ernten, an der Hütte herum werkeln, am Feuer sitzen etc. Solche gemeinsamen Räume sind sehr wichtig.

Wie regelt ihr das, wenn die Kinder krank sind?

Wenn die Kinder krank sind teilen wir die Zeit auf, so dass zwar jeder von uns Abstriche machen muss, aber dennoch nicht alles liegen bleibt. Mir ist es sehr wichtig nicht so viel Druck durch die Arbeit zu haben, dass ich innerlich total genervt bin, wenn sich eine Krankheit bei uns zeigt. Oft stelle ich mir dann noch einmal grundlegende Fragen wie: „Wofür mache ich das eigentlich?“ oder „Was ist denn jetzt wirklich wichtig?“ Das hilft sehr, um schnell wieder den inneren Kompass zu fühlen und auf der Erde zu bleiben, wenn Stress entsteht.

Hast du abschließend noch einen Tipp für andere Mütter, die bei der Jobsuche oder im Alltag mit Kind und Job oft verzweifeln? Was glaubst du funktioniert bei euch besonders gut?

Man hört und liest ja derzeit ständig von Vereinbarkeit, was ich sehr gefährlich finde. Ehrlich gesagt gaukelt es einen Zustand vor, den es so gar nicht gibt. Es gibt immer wieder Prioritäten und Entscheidungen zwischen Familie und Beruf und ich finde es wichtig, sich das ehrlich einzugestehen. Alle diese Entscheidungen sollten möglichst bewusst getroffen werden, um später nicht bereuen zu müssen. Die Zeit in der die Kinder am Nachmittag lieber zu Freunden gehen, kommt schneller als man vermutet und eines Tages bedauert man vielleicht, nicht genug innerlich anwesend gewesen zu sein. Deshalb ist mein Tipp: Gebt Euch Zeit und verlangt nicht zu viel auf einmal von Euch selbst. Habt Geduld und versucht Euch nicht um jeden Preis an die Anforderungen von außen anzupassen. Habt Mut für Euch und Eure Kinder einzustehen. Alles hat seine Zeit und oft führt Loslassen eher zum Ziel, als krampfhaftes Wollen und Müssen.

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