Interviews, Mom at work
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Mom at Work im Interview: Über unerwünschte `unflexible´ Mütter bei Axel Springer

In der Interviewreihe „Mom at work“ setzen sich Mütter mit der Rückkehr in den Job nach der Elternzeit auseinander. Jede Woche berichtet eine neue Mutter über ihre persönlichen Erfahrungen, die sie gemacht hat. Die sind bei den einen positiv, bei den anderen negativ und bei einigen leider sogar erschütternd. Den Anfang macht die Hamburgerin Doreen, die von dem großen Verlagshaus Axel Springer als zu unflexibel betitelt wurde. Für sie war das erstmal ein Schock, im Nachhinein allerdings ein guter Anstoß in die für sie richtige Richtung.

Mom at Work Doreen Brumme Zurück in den Job nach der ElternzeitWie lange warst du in Elternzeit? War die Dauer eine bewusste Entscheidung?

Ich hatte mich vor der Geburt meines Kindes (2004) bewusst für ein Jahr Elternzeit entschieden. Selbstverständlich in Absprache mit meiner Chefredaktion im Axel Springer Verlag. Nachdem ich zuvor sechs Fehlgeburten hatte, wollte ich das eine Jahr so intensiv wie möglich mit meinem lang ersehnten Kind verbringen. Zeit für uns, das war mir wichtig. „Aber auch wiederkommen!“ sagte einer der Chefredakteure, als er mich mit einem großen Blumenstrauß in den Mutterschutz verabschiedete. Klar, selbstverständlich, dachte ich damals.

Was ist dein momentaner Job?

Ich bin freie Journalistin. Ich schreibe Geschichten, Berichte und Interviews für Zeitungen, Zeitschriften und Online-Medien. Ich blogge für Auftraggeber und mich selbst und ich mache verschiedene Texterjobs. Ich bin immer offen für neue Aufträge (winke mit dem Zaunpfahl)!

Hast du diesen Job ursprünglich gelernt und passt er zu deinen Qualifikationen?

Ich habe nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung an der Uni Hamburg Politische Wissenschaft, Journalistik und Volkswirtschaftslehre auf Magister studiert. Ein klassischer Weg in die Printmedien … Nach dem Studium wurde ich Redakteurin bei Computerbild – hatte also viel mit Computern und Internet zu tun. Das war mein Glück, wie sich noch herausstellen sollte. Der Sprung vom Papier ins Netz fiel mir deshalb später leicht. Ich hatte keine Angst vor einer neuen Art von Journalismus, wie es der Online-Journalismus nun mal ist, denn das neue Handwerkszeug kannte ich inzwischen sehr gut. Seit vielen Jahren habe ich mich auf Bio-Themen spezialisiert und bin heute als Bio-Journalistin unterwegs.

Gibt es einen besonderen Grund oder Auslöser, warum du nicht mehr beim gleichen Arbeitgeber wie bereits vor der Schwangerschaft arbeitest?

Das kann man wohl sagen: Ich war seit 1998 Redakteurin bei Computerbild. Als ich neun Monate nach der Geburt meines Kindes signalisierte, dass ich nach Ablauf des Jahres Elternzeit wie abgesprochen wieder an meinen Arbeitsplatz zurück wollte, sagte die Verantwortliche in der Personalabteilung: „Redakteurinnen mit Kind sind uns nicht flexibel genug.“ Mit Hilfe des Personalrats habe ich versucht, um meinen Job zu kämpfen – doch da hieß es dann, ich müsste dann aber auch nach wie vor der Schwangerschaft zu mitunter 15 Stunden und mehr Arbeit bereit sein: „Die Kollegen würden meinen Job ja nicht mitmachen.“ Solche gerade an Redaktionsschlusstagen extrem langen Arbeitstage konnte ich nicht mit der von mir gewünschten Betreuung meines Kindes vereinbaren. Ich entschied mich für mein Kind. Das fiel einerseits leicht, es war das wert. Andererseits tat mir das sehr weh, dass es keine Möglichkeit geben sollte, mich trotz Mutterschaft zu beschäftigen. Ich liebte meinen Job sehr. Man muss wissen: Springer heimst(e) immer wieder Preise als familienfreundliches Unternehmen ein – ich fand das Verhalten mir und meiner kleinen Familie gegenüber nicht gerade freundlich.

Du hast dich für die Selbstständigkeit entschieden, die ja auch für „ständig und selbst“ steht. Warum hast du diesen Schritt gewagt und was ist für dich der Vorteil gegenüber einer Festanstellung?

Ich liebe meinen Beruf. Eine selbständige „Schreibarbeit“ als Freie war der einzige Weg, Schreiben und Muttersein zu verbinden. Ich hatte mir fest vorgenommen, mein Kind nicht länger fremd betreuen zu lassen, als ich es selber – wohlbemerkt: wach! – betreue. Ohne den „A….tritt“ des Verlags hätte ich es womöglich nie gewagt, Selbstständigkeit auf eigenes Risiko und eigene Rechnung zu wagen – und mir so die Zeit für die Familie zu nehmen, die ich ihr einräumen wollte.

Doch dann blieb mir gar nichts anderes übrig. Ich muss meine Hälfte zum Familienunterhalt beitragen. Heute weiß ich: Die sich für mich als Teilzeit-Redakteurin verschlossene Tür des Verlags war das Beste, was mir geschehen konnte: Die hart erkämpfte Abfindung half, die anfangs holprigen Schritte in die Selbständigkeit zu machen. Klar: Es fällt mir bis heute nicht leicht, nicht zu wissen, ob ich etwas und falls ja, was ich im nächsten Monat zu schreiben haben werde. Es gibt immer wieder Tage, wo ich um den einen oder anderen Auftrag bete oder bange. Das Ungewisse bereitet mitunter auch unruhige Nächte. Und auch die Stetigkeit der Selbständigkeit ist nicht zu unterschätzen: Ich schreibe, wenn’s was zu schreiben gibt. Ganz gleich, ob sonn- oder montags. Jahrelang habe ich Urlaubszeiten vorgearbeitet – das ging zu sehr zu Lasten aller. Da ich am ersten Urlaubstag dann meist platt war wie andere nach einem Marathon, lasse ich das heute. Ich verzichte also auf Einkommen und mache stattdessen mindestens zwei Wochen im Jahr frei.

Inwiefern decken sich deine Erwartungen in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Job vor der Geburt mit der Realität, die sich dann erst im Alltag gezeigt hat?

Gegenfrage: Welche Vereinbarkeit? 😉 Im Ernst: Eine Vereinbarkeit sehe ich nicht. Ich muss jeden Tag aufs Neue Kompromisse machen. Und ein Kompromiss ist ein Kompromiss ist ein Kompromiss. Einer fordert, der andere gibt nach. Beim nächsten Mal ist’s andersrum.

Wenn ich den Kindern – inzwischen sind es vier! (Nr. 2 kam 2006, Nr. 3 2009 und Nr. 4 nach fünf weiteren Fehlgeburten 2014) – sage, ich muss jetzt arbeiten, geht das zu Lasten unserer gemeinsamen Zeit. Wenn ich nur für die Kids da bin, kann ich den Schreibjob des Tages erst in der Nacht abarbeiten, wenn sie schlafen. Oft sitze ich zwischen den Stühlen: Mit den Augen auf dem PC; den Fingern auf der Tastatur und den Ohren beim Kind. Dabei passiert es schon, dass ich Ja! sage – und hinterher nicht weiß, wozu. Dazu muss ich noch sagen: Von den zehn Jahren Selbständigkeit war ich bisher auch mehr als fünf Jahre eine leidenschaftliche Stillmutter. Dass solche eben nicht stillen Nächte zu Lasten meiner Kräfte gehen, muss ich nicht betonen. Da ich aber weiß, dass ich das alles gerade tue und ertrage, weil ich mir nur so meinen Lebenstraum von einer Schar Kinder um mich herum erfülle, ist das OK.

Ist dein Job gut mit der Familie zu vereinbaren oder ist es eher schwierig?

Es passt. Und wenn’s nicht passt, wird’s passend gemacht. Mit Hilfe meiner Mutter, die auch in Hamburg lebt, schaffen wir, mein Mann und ich, es ganz gut, die Termine der Kids einzuhalten, gemeinsame Zeiten und für jedes Kind auch Exklusivzeiten zu finden. Dass ich von daheim arbeite, ist ein Segen. Schwierig ist nur, wenn ich mit Auftraggebern telefonieren muss – oder Interviews führe. Wer Kinder hat, weiß, wovon ich spreche. Nichts, aber auch gar nichts ist so interessant, wie eine Mutter, die telefoniert. Und genau dann wird sie natürlich dringendst gebraucht. Immer. Von allen.

Wie schaffst du den Spagat zwischen deiner Familie und deinem Job?

Ich stehe früh auf und erledige eine Aufgabe nach der anderen. Die Tagespläne habe ich nachts gemacht. Ich bin Journalistin, Ehefrau, Mutter, Putzfrau, Wäscherin, Köchin, Erzieherin, Entertainerin, Taxi – um nur einige der Jobs zu nennen, die ich, wie viele andere Mütter, täglich mache. Viel Zeit für mich bleibt da nicht. Doch ich entspanne auch, wenn ich für mein eigenes Blog doreenbrumme.de schreibe. Oder nur mal in der Wanne sitze. Allein. In. Der. Wanne. Allerdings mit mindestens einem Paar aufmerksam beobachtender Kinderaugen auf Wannenrandhöhe davor. Wenn Nr. 4 mit 2+ nächstes Jahr in den Kinderladen unseres Vertrauens kommt, wird das Arbeiten wieder leichter. Dann bin ich vormittags drei, vier Stunden ungestört. Die nutze ich dann hochkonzentriert zum Schreiben. So wie jetzt die Schlafpausen des Kleinen.

Wie regelt ihr das, wenn die Kinder krank sind?

Da ich zu Hause arbeite, sind die Kinder immer bei mir, wenn was ist. Also wenn sie krank sind, wenn sie die Kinderreise im Kinderladen nicht mitmachen wollen, wenn der Kinderladen wegen Krankheit oder Weiterbildung zu hat, wenn in Kinderladen und Schule Ferien sind oder gestreikt wird, wenn Feiertage sind. Da meine Mutter noch arbeitet, kann sie auch nicht immer helfen …

Hast du abschließend noch einen Tipp für andere Mütter, die bei der Jobsuche oder im Alltag mit Kind und Job oft verzweifeln? Was glaubst du funktioniert bei euch besonders gut?

Ja. Ich gebe täglich auf Facebook einen „Guten Rat für Eltern“. Hier und jetzt sage ich nur allen Müttern: Spinnt! Spinnt, was das Zeug hält! Spinnt Euch ein (Lebens)Netz nach Eurem Muster, an Eurem Lieblingsort. Und vernetzt Euch mit anderen! Solche Netze helfen im Notfall bei der Betreuung eines Kindes ebenso, wie sie einem Jobkontakte verschaffen. Mitunter findet Ihr sogar Freundschaft.

Du hast auch eine Geschichte und möchtest sie mit vielen anden Müttern teilen? Dann melde dich einfach per E-Mail bei mir.

Foto: Doreen Brumme

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