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Abenteuer Vormundschaft

Vormundschaft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Heute habe ich eine Geschichte aus meinem Leben für euch, die uns als ganze Familie betrifft. Ich habe alle mit in die Sache hereingezogen und hätte es nicht besser machen können. Klingt irgendwie komisch? Ist aber so! Ausschlaggebend war der Artikel „Wir holen dich da raus“ aus der Süddeutschen Zeitung.

Noch während ich den Artikel las wusste ich, dass ich auch gerne etwas machen möchte. Es war zum einen das Helfen und Unterstützen und zum anderen das Zurückgeben. Uns geht es gut. Wir wohnen in einem schönen Reihenhaus, haben unsere Familie und sind glücklich und zufrieden mit dem was wir haben. Ich hatte das Gefühl, dass ich langsam mal was für Menschen tun muss, denen es nicht so gut geht. Und ich wollte meinen Kindern zeigen, dass das was sie haben nicht selbstverständlich ist. Nicht jeder hat seine Eltern und Geschwister bei sich. Nicht jedem geht es so gut wie uns. Und in der Regel können diese Menschen nichts dafür, dass sie in unserer Gesellschaft keine so gute Stellung einnehmen. Es beginnt mit Rassismus, der mir in meinem direkten Umfeld entgegen geschlagen ist und den ich zutiefst verabscheue und geht über Ausgrenzung auf Grund äußerer Merkmale. Auch ich habe Vorurteile, allerdings habe ich erkannt, dass man diese hinterfragen sollte. Der Großteil scheint dies aber leider nicht erkannt zu haben. Nun aber zurück zum Thema.

Nachdem ich den oben genannten Artikel gelesen hatte bin ich zu meinem Mann und habe ihn gefragt, ob wir das nicht machen wollen. Also eine ehrenamtliche Vormundschaft für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zu übernehmen, der seine Eltern entweder nicht in der Nähe oder vielleicht sogar verloren hat. Denn Integration funktioniert am besten im kleinen, also im direkten zwischenmenschlichen Kontakt. Und wenn da jeder etwas im Kleinen tun würde, dann wäre doch an jeden gedacht. Nachdem mein Mann mir sein okay gegeben hatte habe ich Kontakt zum Kinderschutzbund in Hamburg aufgenommen und wurde erstmal auf eine Warteliste für die nächste Infoveranstaltung gesetzt. Nach einigen Monaten kam dann die Einladung. In dem Moment war das alles für mich noch ziemlich abstrakt und ich bin was sowas angeht auch immer erstmal sehr pragmatisch. Die Infos sind an diesem Tag in Unmengen geflossen und abschließend haben wir gesagt, wir wollen immer noch.

Vormundschaften im Allgemeinen

Wenn die Jugendlichen in Deutschland ankommen, wird ihnen erstmal ein Amtsvormund zugeteilt. Dieser übernimmt eine ähnliche Rolle wie die Eltern, nur dass die persönliche und zwischenmenschliche Komponente komplett außen vor ist, obwohl sie es nicht sollte. Das Problem ist, dass die Amtsvormünder so viele „Fälle“ haben, dass sie sich nicht individuell um die Jugendlichen kümmern können. Es fehlt somit eine Bezugsperson. Hier kommt der ehrenamtliche Vormund ins Spiel. Diese Vormundschaft wird offiziell, sobald die Bestallung vor dem Familiengericht stattgefunden hat, nachdem beide Parteien zugestimmt haben. Hierfür werden einige Anträge gestellt, was man zusammen mit dem Kinderschutzbund macht. Der Vorteil der ehrenamtlichen Vormundschaft für das Mündel, also den Jugendlichen, ist, dass dieser nun eine Vertrauensperson hat, die die Funktion der Eltern übernimmt. Das heißt Gespräche mit den Lehrern, Arzttermine organisieren, Asylantrag stellen, Dolmetscher organisieren, Wohnungssuche, Praktika suchen, darauf achten, dass es dem Jugendlichen gut geht etc. Also ähnlich wie beim leiblichen Kind, allerdings mit einigen Einschränkungen. Man haftet zum Beispiel nicht bei finanziellen Dingen. Ich kenne mich inzwischen ziemlich gut im Asylrecht aus, weiß wie man an Jugendwohnungen kommt und wie man Sätze so schreibt, dass sie kurz und leicht zu verstehen sind. Das ist für eine Germanistin nicht selbstverständlich 😉

Unser erstes Treffen

Irgendwann bekam ich eine Mail, dass es da jemanden gibt, der einen Vormund sucht. Ich habe ein paar formale Infos bekommen und sollte sagen, ob wir noch wollen. Ja klar! Zu dem Termin sind wir dann alle vier hin. Mit dabei waren noch jemand vom Kinderschutzbund, ein Dolmetscher und der Jugendliche mit seiner Betreuerin aus der Erstversorgungseinrichtung. Für ihn eine etwas einschüchternde Situation. Ich war ehrlich gesagt ziemlich entspannt als ich dort hin bin und war deshalb selbst von mir überrascht. Es war ein erstes Kennenlernen und wir haben direkt einen Termin für ein paar Tage später ausgemacht, nach dem wir unsere Entscheidung dann mitteilen sollten. In kleinerer Runde, damit er dabei auch etwas entspannter sein konnte. Kennt ihr das, wenn ihr jemanden seht und sofort denkt, dass das passt? So war es bei mir. Sämtlicher Pragmatismus war mit einem mal verschwunden und es war auf einmal eine Herzensangelegenheit. Dies war für mich das Zeichen, dass es für uns die richtige Entscheidung war.

Ein langer Weg

Nach dem zweiten Treffen haben wir sofort zugesagt, dass wir die Vormundschaft sehr gerne übernehmen und dass bitte alles in die Wege geleitet werden soll. Dieser Entscheidung folgten nun viele Treffen zum Kennenlernen, wir haben viel über Whats App geschrieben und es war ein langer und zäher Weg, damit er uns vertraut. Ich habe versucht zu erzählen, wusste aber nie was er versteht. Es gab viel schweigen zwischen uns, weil es echt anstrengend war immer der Alleinunterhalter zu sein. Aber es ist mit jedem Kontakt besser geworden und es war und ist schön dies zu sehen. Die Kinder lieben ihn und fragen ständig, wann wir wieder was mit ihm unternehmen. Im Kindergarten haben sie von unserem neuen Familienmitglied gesprochen, ein Moment in dem mir das Herz aufgegangen ist. Er gehört nun halt zu uns dazu. Und er ist auch mir eine Hilfe, wenn ich es zum Beispiel mal nicht schaffe, die Kinder aus der Kita abzuholen. Und ich finde es schön, wenn er mir von seiner Familie erzählt, weil das Leben in seiner Heimat doch sehr anders ist als bei uns in Deutschland.

Anfangs dachte ich, die Vormundschaft hat ein bisschen was mit Organisation zu tun und man macht ab und zu mal was Nettes miteinander. Die Zeitkomponente hatte ich komplett unterschätzt. Zum Glück, denn sonst hätte ich es niemals gewagt. Meine Tage waren schon immer zu 120% gefüllt, aber es geht halt immer irgendwie. Ich bin deutlich flexibler geworden und habe gelernt, dass man viele Dinge einfach mal schnell zwischendrin erledigen kann. Es muss nicht immer alles super durchorganisiert sein. Ob ich es wieder machen würde? Auf jeden Fall! Ich kann mir keine schönere Art vorstellen, die Familie kulturell zu erweitern und es wäre echt schade, wenn wir ihn nicht kenengelernt hätten ♥

18 Kommentare

  1. Hallo Christiane,

    Mensch, das finde ich ja toll von euch! Als Sozialpädagogin finde ich diese Themen aber sowieso sehr spannend und wichtig. Toll dass du deine Stimme nutzt. Ich hoffe du berichtest noch ein bisschen was. Ich würde gern mehr erfahren ❤
    Liebe Grüße,
    Sarah

    • StyleMom sagt

      Ich werde mal schauen, was ich noch an Informationen rausgeben kann, ohne dass es zu persönlich wird. Ansonsten kannst du mir ja immer gerne schreiben 🙂 Liebe Grüße, Christiane

  2. Hach das ist einfach großartig von Euch das Ihr das so macht. Bei mir wird es – wenn ich endlich dazu komme – auch bald mehr zum Thema „Pflegschaft“ geben. Was wann wer wie und überhaupt. Ich hab viele Ideen im Kopf, aber es gibt immer den Weg den wir gegangen waren und dann den, der richtig gewesen wäre… und ganz viel dazuwischen bestimmt.

    Aber ich finde es GROSSARTIG was Ihr macht!

    Drück Euch
    JesS

    • StyleMom sagt

      Ja, es gibt immer 1000 Wege, denn jede Familie und jeder Mensch ist anders. Und ich denke auch, dass kein Fall dem anderen gleicht. Ich bin nur froh darüber, dass es bei uns so ist, wie es ist. Nämlich für uns genau richtig. LG, Christiane

  3. Katharina sagt

    Ein sehr spannendes Thema und ein so wichtiges noch dazu. Ich finde es so großartig, dass Ihr das macht.

    Liebe Grüße
    Katharina

    • StyleMom sagt

      Danke liebe Katharina! Mir ist es aber wichtig zu zeigen, dass auch wir davon profitieren. Denn wir haben dadurch einen sehr netten Jungen kennengelernt, der auch bei uns gerne einspringt, wenn ich mal wieder im Organisationschaos versunken bin. Es ist also ein Geben und Nehmen 🙂

  4. Hut ab! Ich finde eure Entscheidung klasse! Das macht nicht jeder! Dein Artikel hat mich zum Nachdenken gebracht… Danke dafür! Ein sehr inspirierendes und vor allem bewegendes Thema! <3

    Liebe Grüße,
    Mihaela

  5. Mareike sagt

    Liebe Christiane, ich finde das so toll! Und direkt meldet sich wieder mein schlechtes Gewissen. Gefühlt müsste ich noch mehr machen, aber meine Sorge allem nicht gerecht zu werden, schwingt immer mit. Dein Artikel macht auf jeden Fall Mut!

    • StyleMom sagt

      Man kann eh nicht allem Gerecht werden und es ist wichtig, dass jeder genau das tut, was ihm liegt und was ihm möglich ist. Nicht mehr und nicht weniger 🙂

  6. Super Sache die ihr da macht! Finde ich klasse! Und auch danke das du darüber geschrieben hast, ich denke es sollten sich noch viel mehr Ehrenamtliche dafür finden.

    • StyleMom sagt

      Ich finde auch, dass das viel mehr Leute machen sollten, so dass jedem Jugendlichen ohne Eltern in der Nähe eine Vertrauensperson und Stütze zur Verfügung steht. Leider haben viele Jugendliche diese Möglichkeit nicht.

  7. Wow – ich find das toll! Genau wie du, habe auch ich schon so oft darüber nachgedacht, wie ich helfen könnte. Leider bin ich noch nicht so weit gekommen wie du bzw. ihr, aber ich finde es einfach toll und freue mich sehr, dass ihr euch so engagiert!

    • StyleMom sagt

      Ich kann es echt nur empfehlen, den direkten, persönlichen Kontakt zu suchen. Wir haben dadurch einen wirklich tollen Menschen kennengelernt.

  8. WOW!
    Ich finde, es wirklich großartig von Euch, dass ihr Euch diesem wichtigen Thema so intensiv angenommen habt. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich die Sprachbarriere bsiegt bekommen würde. Aber wie du schon sagst – mit viel Zeit bekommt man sicherlich viel hin.
    Toll, dass Du dir so viel Mühe gibst!

    Alina

    • StyleMom sagt

      So schlimm ist das mit der Sprachbarriere gar nicht. Ich nehme an, du kannst auch gut und viel erzählen. Dein Gegenüber wird gut zuhören, nicht wiedersprechen und kaum dazwischen quatschen. Also optimal für uns Frauen 😉 So ist es bei uns jetzt übrigens nicht mehr. Er erzählt auch viel und das ist so schön 🙂 LG, Christiane

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